Kundus: Ein Jahr nach dem Bundeswehr-Abzug

Vor einem Jahr ist die Bundeswehr aus Kundus abgezogen. Seitdem hat sich die Lage dort dramatisch verschlechtert. Die Sicherheit ist besorgniserregend instabil, die Wirtschaft leidet, die Zivilgesellschaft wird zerrieben.

Mitte August ging ein Foto mit hohem Symbolwert um die Welt. Taliban hatten angeblich auf einem Turm, den die Bundeswehr in Chahar Darreh, einem Vorort von Kundus, errichtet hatte, ihre Flagge gehisst. Das stimmte allerdings nicht. Wenige Tage später wurden schwere Gefechte zwischen Taliban und afghanischen Soldaten gemeldet. Der Polizeichef der Provinz Kundus sprach von 30 Toten unter den Aufständischen.

“Besorgniserregende Nachrichten aus Kundus”
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour hört derzeit nur “sehr besorgniserregende Nachrichten aus Kundus”. Er ist einer der wenigen deutschen Politiker, die sich um Afghanistan sorgen – auch noch ein Jahr, nachdem die Deutschen ihr zweitgrößtes Feldlager im Norden Afghanistans verlassen haben. Die Taliban konzentrierten sich stark auf den Norden des Landes, sagt er.

“Die Lage ist unübersichtlich. Die Provinz Kundus gehört zu den problematischsten Regionen im Land”, sagt Thomas Ruttig von der Nichtregierungsorganisation Afghanistan Analysts Network. Dabei seien die Taliban “nur eine Komponente”. Kriminelle Netzwerke, die mit mächtigen Leuten in der Zentral- und in der Provinzregierung verbunden seien, und verschiedenste Milizen stünden den Fundamental-Islamisten in nichts nach. Es gebe milizartige Strukturen, wie beispielsweise die Regionalpolizei ALP, die zwar formal der Regierung untergeordnet sind, aber aus ehemaligen Bürgerkriegstruppen rekrutiert seien und so auch immer noch agierten.

Die Zivilgesellschaft gerät unter die Räder
Da sie von der Regierung nur unregelmäßig bezahlt würden, besserten die Männer ihr schmales Salär mit Schutzgelderpressungen auf. Darüber hinaus machten sogenannte “unverantwortliche Milizen” die Gegend unsicher. Sie gehörten einzelnen Warlords, die über den Auftrag der Kämpfer bestimmen. Erschwerend komme hinzu, dass die Provinz ethnisch stark durchmischt sei: ein Drittel Paschtunen, fast genauso viel Usbeken, 20 Prozent Tadschiken, zehn Prozent Turkmenen und sechs Prozent Hazara. Viele Milizen organisierten sich entlang der ethnischen Grenzen.

“Eine Regierung mit kurzem Verfallsdatum” 
“Die Zivilgesellschaft befindet sich zwischen allen Fronten”, sagt Ruttig. Das wirkt sich auch schädlich auf die regionale Wirtschaft aus. Kleinunternehmer ächzen unter Schutzgelderpressungen. Auch die Landwirtschaft im Agrarland Afghanistan leide stark, da die Felder durch den Krieg verwüstet oder vermint seien und Bewässerungsanlagen zerstört wurden, erläutert Ruttig. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung.

Mitarbeiter der Bundeswehr geht es schlecht
Für die ausländischen Hilfsorganisationen, die noch immer in und um Kundus “mit Herzblut ihre Arbeit machen”, sagt Nouripour, verschlechtere sich die Aussicht, ihre Projekte nachhaltig und effizient weiterzuführen. Dabei sei die vom deutschen Staat finanzierte technische Entwicklungsarbeit stärker betroffen, “weil sie mehr Großprojekte umsetzt, als Nichtregierungsorganisationen”
. Seit 2002 unterstützt Deutschland den Wiederaufbau Afghanistans. Pro Jahr zahlt das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 250 Millionen Euro. Eine vollständige Liste der Projekte der zivil-militärischen Zusammenarbeit in Kundus gebe es seit 2003 nicht mehr, rügt der Grünen-Politiker. Das sei gegenüber dem deutschen Steuerzahler unfair.

Besonders schlecht geht es jetzt jenen Afghanen in Kundus, die bis vor einem Jahr für die Bundeswehr gearbeitet haben – als Übersetzer beispielsweise. Sie werden als Kollaborateure beschimpft und nicht nur von den Taliban verfolgt. Eine vereinfachte Einreise nach Deutschland gibt es für sie nicht. Nur wer es schafft, sich irgendwie nach Europa durchzuschlagen, kann hier auf Asyl hoffen. Für Nouripour ist es “ein Skandal, dass die Bundesregierung sich nicht im Stande sieht, diese Menschen zu schützen”. Dabei handle es sich um eine kleine Gruppe: “eine kleine vierstellige Zahl, inklusive Familien”, sagt der grüne Politiker.

Hat die Bundeswehr Kundus zu früh verlassen?
Die politische Mission zum Wiederaufbau des Landes, die 2001 auf der internationalen Afghanistankonferenz in Bonn vereinbart worden war, ist immer mehr hinter die militärische Komponente und den sogenannten Krieg gegen den Terror zurück gefallen”, sagt Ruttig. Die USA unter der Bush-Regierung hätten auch für ihre Allianzpartner ihre militärische Logik durchgesetzt. “Somit ist viel weniger erreicht worden als man hätte erreichen können”, sagt der Experte. Hinzu gekommen seien “mangelnde Landeskenntnis und falsche Bündnispolitik”.
Die internationale Gemeinschaft habe den früheren Präsidenten Hamid Karsai gezwungen, mit den Warlords zusammenzuarbeiten. “Aber Warlords leben und profitieren vom Krieg. Sie sind an Frieden und Rechtsstaatlichkeit nicht interessiert”, sagt Ruttig. Für Nouripour kommt es jetzt darauf an, dass die Finanzierung des vom Staat kontrollierten Sicherheitsapparats nicht heruntergefahren wird. Denn Sicherheit bleibe zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung und Staatsaufbau.

Kundus ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Nordosten Afghanistans. Sie liegt im Kundustal nahe der Grenze zu Tadschikistan – von dort wird die Provinz im Wesentlichen auch mit Strom versorgt. In der Stadt leben knapp 950.000 Einwohner. Die Region ist sehr fruchtbar: Angebaut werden vor allem Baumwolle, Reis, Weizen, Mais und Melonen – letztere gelten als die Besten des Landes.

(Cop.: Katharina Sperber ID BTB, Heute, Ap, dpa)

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