Entwicklungsminister Müller will mit fairem Handel Flüchtlingskrisen vermeiden

“Statt Freihandel müssen wir einen Fairhandel schaffen”: Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller hat gefordert, im Welthandel eine global ausgleichende Gerechtigkeit zwischen armen und reichen Ländern zu fördern. Nur so könnten weitere Flüchtlingskatastrophen vermieden werden.

Dr. Gerd Müller Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Dr. Gerd Müller (CSU)
Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller hat angesichts der wachsenden Flüchtlingsströme in der Welt mehr Fairness und Gerechtigkeit zugunsten der ärmeren Länder gefordert.

Nötig sei eine globale Partnerschaft, ein Interesse-nausgleich zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungs-ländern, schrieb er im “Handelsblatt”. Müller führte an, dass 20 Prozent der Menschheit derzeit 80 Prozent der Ressourcen verbrauchten. Zudem litten unter dem Klimawandel gerade die besonders, die dazu am wenigsten beigetragen hätten. Wenn diese Ungleichgewichte nicht korrigiert würden, drohten weitere Flüchtlingsbewegungen.

Mit Blick auf Wirtschaftsvereinbarungen der reichen Länder mit den meist armen, aber oft mit vielen Bodenschätzen gesegneten Ländern Afrikas forderte Müller: “Statt Freihandel müssen wir einen Fairhandel schaffen.” Der Nutzen von Ressourcen dürfe nicht weiter einseitig zulasten von Entwicklungsländern gehen. “Wir brauchen eine Weltordnung, die global ausgleichende Gerechtigkeit schafft – politisch, ökonomisch, sozial und ökologisch”, schrieb der CSU-Politiker.

Das sei auch im Interesse Europas, erklärte er weiter. Denn dort, wo Hunger und Elend, Ausbeutung, Verteilungskämpfe und Krieg herrschten und es keine Perspektive gebe, verließen die Menschen das Land und gingen dahin, wo Wohlstand und Freiheit herrschten. Europa aber könne nicht all diese Menschen aufnehmen.

Valetta-Gipfel: Parlamentarier fordern entschlosseneres Handeln in Flüchtlingskrise

Drei Fraktionsvorsitzende des EU-Parlaments haben sich in einem gemeinsamen Schreiben vom Montag an die 28 EU-Staats- und Regierungschefs gewandt. Darin bitten sie die Politiker, den Flüchtlingsvorschlag der Kommission zu unterstützen.

Bei dem europäischen Gipfeltreffen in Valetta vom 11. bis 12. November werden die führenden EU-Politiker versuchen, bestehende Kooperationsmechanismen zwischen Europa und Afrika auszubauen.

Die Fraktionsvorsitzenden im EU-Parlament Manfred Weber (Europäische Volkspartei), Gianni Pittella (Sozialisten und Demokraten) und Guy Verhofstadt (Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa) forderten die europäischen Staats- und Regierungschefs auf, für die Vorschläge der EU-Kommission zu stimmen. Dabei geht es um einen europäischen Grenzschutz und eine Küstenwache, ein europäisches Asyl- und Migrationssystem sowie um die europäische Blue Card. In einer gemeinsamen Stellungnahme äußerten die Fraktionsvorsitzenden ihre Bedenken: “In den letzten Monaten mangelte es dem Rat an politischem Engagement und strategischem Vorgehen hinsichtlich eines gemeinsamen Ansatzes zur Asyl- und Migrationspolitik.”

Das Schreiben in Form eines parteiübergreifenden Aufrufes bezog sich nicht auf bestimmte Mitgliedsstaaten. “Es war ein ehrlicher Aufruf, endlich einen Weg aus der Flüchtlingskrise zu finden und dabei parteiliche Dispute zu vermeiden”, berichtete ein S&D-Mitglied EurActiv.

EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos sorgt sich nach eigenen Angaben um die mangelnde Bereitschaft einiger Mitgliedsstaaten, zur Lösung der Flüchtlingskrise beizutragen. “Europa bewegt sich”, sagte er vor Kurzem, “Doch die Mitgliedsstaaten müssen Verantwortung übernehmen und die notwendigen politischen Schritte umsetzen.”

Manche EU-Länder, so Avramopoulos, würden Europa wieder zurück auf einen Stand noch vor dem Zweiten Weltkrieg treiben.Ungarn und die Slowakei sträubten sich gegen den jüngsten EU-Beschluss der Mehrheit der Mitgliedsländer. Nach schwierigen Verhandlungen hatte man sich darauf geeinigt, die Flüchtlinge in Italien und Griechenland auf die anderen 26 EU-Staaten aufzuteilen.

Unterstützung für Afrika

Die drei Fraktionsvorsitzenden forderten die 28 Regierungschefs dazu auf, “mehr Expertise und Fördermittel” zu mobilisieren. So könne man afrikanische Länder unterstützen, die an einer Zusammenarbeit mit der EU interessiert sind. “Es ist essenziell, dass wir unsere Bemühungen miteinander abstimmen. Außerdem müssen wir den Dialog mit der Afrikanischen Union und den wichtigsten afrikanischen Staaten ausbauen”, erklärten sie in dem Schreiben. Es sei auch eine Möglichkeit, das Potenzial Afrikas freizusetzen. “Die in Valetta zu beschließenden Maßnahmen bestehen zusätzlich darin, sozioökonomische Entwicklung zu fördern, Arbeitsplätze vor allem für junge Menschen zu schaffen und Bildungspartnerschaften auszubauen.” Ihr Fazit: “Die Union kann es sich nicht leisten, noch einmal zu scheitern oder Zeit zu verlieren.”

Das Büro von Gabriele Zimmer, Vorsitzender der linken GUE/NGL-Fraktion des EU-Parlaments, gab EurActiv gegenüber an, dass man ihre Partei nicht nach einer Unterschrift gefragt habe. Auch Philippe Lamperts, Co-Vorsitzender von Die Grünen/Europäische Freie Allianz, sei nicht auf das Schreiben angesprochen worden. “Man hat uns nicht gebeten, teilzunehmen. Unsere Gedanken zu dem Thema sind ohnehin schon allgemein bekannt.”

Hintergrund:
Entgegen den Stimmen aus Ungarn und einigen anderen ehemals kommunistischen Ostblockstaaten, hat sich die Europäische Union auf einen Plan zur Verteilung von 120.000 Flüchtlingen auf die Mitgliedstaaten geeinigt. Dies ist jedoch nur ein kleiner Teil der insgesamt 700.000 Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, Afrika und Asien, die Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge in diesem Jahr die Außengrenzen Europas erreichen.

Die EU bietet der Türkei finanzielle Unterstützung, visumfreies Reisen und neue Beitrittsverhandlungen, wenn Ankara im Gegenzug versucht, den Flüchtlingsstrom durch das eigene Territorium einzudämmen.

Griechenland war dieses Jahr besonders stark vom Flüchtlingsanstrom betroffen. Viele kritisierten das Land, es habe sich nicht an bestehende EU-Vorschriften zur Registrierung der Neuankömmlinge gehalten. Nun plant die EU, Flüchtlinge davon zu überzeugen, in Griechenland auf bezahlte Flüge in andere Länder zu warten. Dort würde man dann ihren Asylantrag bearbeiten. Diese Lösung sei besser, als im Winter den gefährlichen Weg über die Balkanroute einzuschlagen.

Bei einem Mini-Gipfel der Balkan-Staaten am 25. Oktober, versprach Athen, bis zum Jahresende 50.000 zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen. Weitere 50.000 sollten weiter nördlich entlang der Balkanroute untergebracht werden. Die EU versprach, Griechenland zusätzliche Mittel. Den anderen Ländern wurde Notfallhilfe zugesagt.

Amnesty warnt EU vor “Outsourcing von Menschenrechtsverletzungen”

Flüchtende Jesiden an der Grenze des Irak zu Syrien | Bildquelle: REUTERS

Flüchtende Jesiden an der Grenze des Irak zu Syrien | Bildquelle: REUTERS

Die Europäische Union will bei einem zweitägigen Gipfeltreffen in Malta eine enge Kooperation mit afrikanischen Staaten in der Flüchtlingskrise vereinbaren; Amnesty International warnt eindringlich davor, mit skrupellosen Machthabern gemeinsame Sache zu machen – auch von EU-Parlaments-präsident Martin Schulz kommen mahnenden Worte.

Amnesty International hat die EU vor ihrem Gipfeltreffen mit Afrika zur Flüchtlingskrise vor einer Zusammenarbeit mit Staaten gewarnt, die Menschenrechte verletzten und rechtsstaatliche Standards nicht einhalten. “Die EU sucht nach einer Auslagerung ihres Migrationsproblems”, sagte die Leiterin der EU-Abteilung von Amnesty, Iverna McGowan, der Nachrichtenagentur AFP in Brüssel. “Das kann zu einem Outsourcing von Menschenrechtsverletzungen führen und ist ziemlich Besorgnis erregend.”

Die EU will bei einem Gipfeltreffen in Malta am Mittwoch und Donnerstag eine enge Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern in der Flüchtlingskrise vereinbaren. Dabei soll es um die Bekämpfung von Fluchtursachen wie Armut und Arbeitslosigkeit gehen, aber auch um die Grenzsicherung, die Begrenzung von Migrationsbewegungen und die Rücknahme von in Europa abgelehnten Asylbewerbern. Laut Medienberichten soll ein Aktionsplan verabschiedet werden. Dieser sieht dem Vernehmen nach vor, dass die EU den afrikanischen Staaten, die bei der Rücknahme von Flüchtlingen kooperieren, mehr Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen will.

Besondere Sorge bereiten Amnesty-Expertin McGowan mögliche Vereinbarungen mit einzelnen Staaten, die am Rande des Gipfels geschlossen werden könnten. “Wir wissen, dass mehrere bilaterale Abkommen auf dem Tisch liegen”, sagte sie. “Sie beinhalten typischerweise nur vage formulierte Verweise auf Menschenrechte oder überhaupt keine.” Geschlossen würden solche Vereinbarungen meist in Hinterzimmern: “Es besteht die Gefahr, dass die Besorgnis erregenden Dinge in Valletta außerhalb des Scheinwerferlichts der Öffentlichkeit über bilaterale Abkommen passieren.”

Insgesamt ziele die EU-Flüchtlingspolitik darauf, “Leute draußen zu halten”, kritisierte McGowan. Sie forderte dagegen mehr legale Wege der Einwanderung nach Europa über Umsiedlungen – also die Aufnahme von Menschen direkt aus Heimat- oder Transitländern, ohne dass sich diese auf die gefährliche Reise über das Mittelmeer und die Balkanroute machen müssten. Die Amnesty-Vertreterin verlangte von der EU, konkrete Kontingente für die Aufnahme von Menschen über Umsiedlungsprogramme festzulegen.

Beim Gipfel geplante Initiativen etwa zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung in Afrika seien durchaus “sehr wichtig”, sagte McGowan. “Es darf aber nicht auf Kosten der Menschenrechte gehen.” Wo ein Land nicht so weit sei, solle die EU auf Reformen etwa im Justizsystem dringen – solange aber von “Deals in der Migrationsfrage” absehen.

McGowan forderte die EU auch auf, eine Führungsrolle etwa bei der Vergabe humanitärer Visa oder Familienzusammenführung zu übernehmen und Partner weltweit davon zu überzeugen, dasselbe zu tun. Positiv bewertete die Amnesty-Expertin den EU-Ansatz, vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise verstärkt diplomatisch auf die Bewältigung von Krisen oder ihre Vermeidung hinzuwirken.

Auch das katholische Werk für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR befürchtet, die EU könnte menschenrechtliche Grundsätze aufzugeben, um Flüchtlinge und Migranten von den Toren Europas fernzuhalten. Die Bundesregierung dürfe Kooperationen nur unter Bedingungen eingehen, welche die Ausreise von Schutzbedürftigen nicht gefährden. Auch MISEREOR verlangt von der EU, auf legale Möglichkeiten der Flucht und Migration hinzuwirken. “Wer Schleuser bekämpft, zugleich aber keine legalen Alternativen zur Einreise schafft, bekämpft Flüchtende indirekt mit”, erklärt MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.

Schulz fordert legale Einreisemöglichkeiten

Ähnlich äußert sich unmittelbar vor dem Valetta-Gipfel EU-Parlamentspräsident Schulz. Er warnte insbesondere davor, abgelehnte Asylbewerber in Diktaturen zurückzuschicken. Die Einhaltung demokratischer Standards und Menschenrechte müsse gewahrt sein, sagte Schulz im “Deutschlandfunk”.

Im “Bayerischen Rundfunk” forderte Schulz die Gipfelteilnehmer auf, die Krise durch legale Einreisemöglichkeiten zu entschärfen. “Wir brauchen seit Jahrzehnten ein legales Einwanderungsrecht und einen ausgeweiteten Schutz für Menschen, die nicht politisch verfolgt sind”, sagte Schulz. Die ständige Behauptung, dass Europa kein Einwanderungskontinent sei, habe mit zu der jetzigen Krise geführt. “Wenn man die Realität verweigert, dann hat man hinterher die Probleme, die wir heute haben”, sagte Schulz.

Schulz forderte die EU-Länder zudem auf, mehr Geld für die Entwicklungszusammenarbeit mit den afrikanischen Ländern bereitzustellen. “Wir sollten die Entwicklungszusammenarbeit aber abhängig machen von Demokratie und Rechtstaatlichkeit und dem was wir gutes Regieren nennen.”

Südlich der Sahara haben die Krisen in Ländern wie Südsudan, Kongo, Somalia, Nigeria oder der Zentralafrikanischen Republik dem UN-Flüchtlingshilfswerk zufolge 15 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben.

Quellen: EurActiv.de | AFP, dsa

DIW: Integration von Flüchtlingen führt langfristig zu positiven wirtschaftlichen Effekten

Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof

Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof

Ökonomen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Berlin (DIW Berlin) simulieren verschiedene Szenarien auf Basis unterschiedlicher Annahmen. Investitionen zahlen sich in jedem durchgerechneten Szenario längerfristig aus. Pro-Kopf-Einkommen bisheriger Einwohner Deutschlands wird durch gelungene Integration steigen

In der am 05.11.2015 vorgestellten Studie heißt es: “Die Flüchtlingsmigration der letzten Monate stellt Politik und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Gelingt die Integration der neu nach Deutschland kommenden Menschen, bedeutet dies jedoch langfristig einen Gewinn für alle. Das ist das Ergebnis einer Simulation von Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Die gegenwärtige Diskussion um Flüchtlinge fokussiert sich meist viel zu sehr auf die Kosten, die der Staat aufwenden muss, um die Menschen die hier ankommen, zu unterstützen. Das ist zu kurz gedacht“, kritisiert DIW-Präsident Marcel Fratzscher. „Selbst wenn viele Flüchtlinge aufgrund fehlender Qualifikationen kurzfristig vergleichsweise schlechte Aussichten am Arbeitsmarkt haben und diejenigen, die den Weg in eine Beschäftigung finden, oftmals unterdurchschnittlich produktiv sind, werden langfristig die positiven wirtschaftlichen Impulse für Deutschland die Kosten übertreffen.“

Flüchtlinge steigern die Konsumnachfrage

Um ihre Berechnungen durchzuführen, haben Marcel Fratzscher und Simon Junker verschiedene Annahmen zugrunde gelegt. Dazu zählen unter anderem die Zahl der zu erwartenden Migranten, Alter und Erwerbsfähigkeit sowie das Maß ihrer Qualifikation. Neben einem Basisszenario skizzieren die beiden Autoren des Berichts ein optimistischeres und ein pessimistischeres Szenario. Am Ende übersteigt jedoch in allen drei Fällen der Gewinn die anfänglichen Kosten. „Diejenigen Flüchtlinge, die Arbeit finden, stimulieren die Wirtschaft“, so DIW-Präsident Fratzscher. „Sie stärken die Angebotsseite, auch indem sie zum Erfolg und den Erträgen der Unternehmen beitragen, und erhöhen gleichzeitig die Nachfrage. Indem sie selbst zu Konsumenten werden, tragen sie zu mehr Investitionen und höheren Einkommen für andere private Haushalte bei.“ Insgesamt wird also das Wirtschaftswachstum steigen, die Frage ist nur, ab wann dies der Fall sein wird.

Positive Effekte spätestens nach gut zehn Jahren

Während am Anfang klar die Kosten für den Steuerzahler überwiegen, wird dieser laut Simulation längerfristig profitieren. „Selbst im von uns angenommenen pessimistischen Szenario erhöht sich das Pro-Kopf-Einkommen der bereits in Deutschland lebenden Menschen nach gut zehn Jahren. Im günstigeren Fall kann sich der positive Effekt sogar rascher einstellen, möglicherweise bereits nach vier bis fünf Jahren“, sagt Simon Junker, stellvertretender Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik am DIW Berlin. „Gelingt es, auch nur einen Teil der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, zahlt sich die Investition aus.“

Ohne Zweifel sind mit der großen Zahl von Flüchtlingen auch beachtliche Risiken verbunden: Kaum abzu­sehen ist derzeit, in welchem Maße der Arbeitsmarkt insbesondere Geringqualifizierte aufnehmen kann. Zudem muss betont werden, dass es sich bei dem Bericht um Simulationen handelt, die Möglichkeiten und Grenzen aufzeigen, und nicht um Prognosen, die versuchen, die Zukunft vorherzusagen.”

Die komplette  Studie  kann unter folgendem Link abgerufen werden: http://diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.518252.de/15-45-4.pdf

Die Autoren der Studie stehen für telefonische Rückfragen und Interviews zur Verfügung: +49-30-897 89-252, -249 oder -250

Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. www.diw.de

242 Verträge zur Unterbringung von Flüchtlingen in Liegenschaften des Bundes

Notunterkunft für Flüchtlinge in der Messe München

Notunterkunft für Flüchtlinge in der Messe München. Photo: Victor Fuchs

Zum Stichtag 2. Oktober 2015 sind zur Unterbringung von Asylsuchenden und Flüchtlingen in 242 Fällen Verträge über Liegenschaften im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BlmA) geschlossen worden beziehungsweise “endverhandelt”. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (18/5988) hervor.

Wie die Regierung darin ausführt, ist die BImA als Eigentümerin der Bundesliegenschaften zentrale Ansprechpartnerin für die “liegenschaftsbezogene Unterstützung der betroffenen Länder und Kommunen durch den Bund bei der Unterbringung von Asylbegehrenden und Flüchtlingen”. Sie biete den Ländern, Landkreisen und Kommunen im Wege der direkten Ansprache sämtliche freien und verfügbaren Gebäude sowie Freiflächen ihres Liegenschaftsbestands mietzinsfrei zur Unterbringung von Flüchtlingen an, soweit kein vorrangiger Bundesbedarf besteht und ein eventueller Verwertungsprozess sich noch nicht in der Schlussphase befindet.

Auch weiterhin unterstütze die BImA die staatlichen und kommunalen Bedarfsträger “nach Kräften bei der Identifizierung von Objekten, die zeitweise oder länger für Zwecke der Unterbringung von Asylbegehrenden und Flüchtlingen herangezogen werden können”, heißt es in der Vorlage weiter. “Dabei werden noch intensiver als bisher auch alle Möglichkeiten von vorzeitigen Teil-/ Rückgaben von dienstlich in absehbarer Zeit nicht mehr benötigten Liegenschaftsteilen bei Bundesbehörden oder den Gaststreitkräften beziehungsweise von gemeinsamen Nutzungen einer Liegenschaft von Bundesbehörden und Bedarfsträger (“Mitbenutzungen”) sondiert und soweit möglich ausgeschöpft”, schreibt die Bundesregierung.

Anstehende Verkaufsvorgänge bei der BImA über Objekte mit nennenswerten möglichen Unterbringungskapazitäten werden den Angaben seit einiger Zeit solange nicht vollzogen beziehungsweise eingeleitet, bis die Prüfung für die Geeignetheit zur Unterbringung von Asylbegehrenden und Flüchtlingen durch die Bedarfsträger – Länder und Kommunen – abgeschlossen ist. Durch die vorgesehene Übernahme der Herrichtungskosten durch die BImA sei davon auszugehen, dass eine nennenswerte Anzahl der von den Bedarfsträgern bisher noch abgelehnten Liegenschaften für Unterbringungszwecke in Betracht gezogen werden können und hierdurch zusätzliche Unterbringungsplätze entstehen.

Flüchtlingspolitik – zwischen moralischem Anspruch und politischer Umsetzung. Lebhafte Diskussionen beim erstem „Schlagabtausch zur Demografie“

flüchtlingsbootAm 18. Mai 2015 lud das Berlin-Institut gemeinsam mit der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius zum ersten „Demografie-Schlagabtausch“ ins Thalia Gauß in Hamburg. Mit dieser Reihe wollen die beiden Stiftungen künftig regelmäßig an den Standorten Hamburg und Berlin aktuelle Themen des demografischen Wandels mit Experten und Betroffenen in der Öffentlichkeit diskutieren. Der erste Schlagabtausch ging der Frage nach, wie sich der Zustrom von Asylsuchenden im Spannungsfeld von moralischem Anspruch und politischer Umsetzung bewältigen lässt. Mit dem Wissenschaftler Steffen Angenendt und der Kulturschaffenden Amelie Deuflhard stellten sich zwei Experten der Diskussion, die das Thema aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.

Im Rahmen eines Kunstprojekts hatte Deuflhard, die Intendantin der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, im vergangenen Jahr Flüchtlingen Unterkunft gewährt und damit bundesweit großes Aufsehen erregt – insbesondere nachdem die AfD sie wegen dieser Aktion verklagt hatte. Sie ist der Meinung: In der Flüchtlingsdebatte müssen wir hierzulande unmittelbar Verantwortung übernehmen. Sich allein auf die Politik zu verlassen, reiche dagegen nicht aus.

Die dringende Notwendigkeit einer politischen Lösung betonte Steffen Angenendt, der sich bei der Stiftung Wissenschaft und Politik intensiv mit migrations- und entwicklungspolitischen Fragen auseinandersetzt. Er sieht vor allem die Europäische Union in der Pflicht, die Belastung durch die zunehmenden Flüchtlingsströme im Mittelmeerraum besser auf die Schultern der Mitgliedstaaten zu verteilen. Er plädierte dabei für eine klare Unterscheidung zwischen Verfolgten, denen gemäß Genfer Konvention in jedem Fall Asyl gewährt werden müsse, und jenen, die sich auf der Suche nach Arbeit auf die gefährliche Reise begeben. Dass für letztgenannte auch legale und sichere Wege in den deutschen Arbeitsmarkt führen können, sei ihnen oft nicht bekannt.

Anpacken – aber wie?
Den Rahmen für die Diskussion hatte Michael Göring, Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung, in seiner Begrüßung mit einer Reihe von Fragen zur aktuellen Flüchtlingspolitik gesetzt. Mit einem Überblick über die derzeitigen Flüchtlingssituation sowie einem Ausblick auf die mögliche künftige Entwicklung angesichts der sich ausweitenden politischen Krisen in Afrika und dem Nahen Osten schuf Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, darüber hinaus eine gemeinsame Diskussionsgrundlage.

Die NDR-Journalistin Kathrin Erdmann leitete durch die Diskussion und bezog dabei auch das Publikum mit ein. Das bereicherte den Schlagabtausch der Experten, denn viele der rund 200 Gäste setzen sich ehrenamtlich für Flüchtlinge ein und verfügen damit über einen großen Schatz an Erfahrungen und Kenntnissen.

Der nächste Schlagabtausch zur Demografie findet im November 2015 in Berlin statt. Dann geht es um die Frage, was zu tun ist, wenn der ländliche Raum weiter an Bevölkerung verliert.